Nachdem wir die ersten beiden Nächte in Medan in einer der typischen, billigen aber schmuddeligen Unterkünfte asiatischer Großstädte verbracht hatten und unser Tauchgepäck einem netten Barbetreiber aus Australien anvertraut hatten, machten wir uns auf den Weg nach Bukit Lawang, dem Orang-Utan-Rehabilitations-Centre. Am Abend zuvor war bereits wie zufällig ein netter älterer Indonesier, der sehr gut deutsch sprach neben unserem Tisch gesessen und hatte uns von seiner Tätigkeit im Reisebüro erzählt. Natürlich hat er uns auch gesagt, dass er dort mit einigen Guides, die Touren durch den Dschungel führen, bereits zusammengearbeitet hat. Und wie es der Zufall will, kommt in diesem Augenblick in der 5 Millionen-Hauptstadt Sumatras einer dieser Guides auf der Straße an dem Café vorbeigewatschelt, in dem wir sitzen. Wir wurden natürlich sofort einander vorgestellt und Uddin, so war der Name des Guides, bot an uns am nächsten Tag nach Bukit Lawang zu begleiten.

Diese Begleitung war in der Tat sehr praktisch, denn die öffentlichen Verkehrsmittel in diese Richtung sind etwas kompliziert miteinander verflochten, so dass wir uns ohne Uddin wahrscheinlich ein paar mal etwas geärgert hätten. Nach insgesamt 4 Stunden waren wir dann in Bukit Lawang und checkten im "Jungle Inn", einem sehr geschmackvollen, kleinen Guesthouse am hinteren Ende des Tales ein. Noch bevor wir uns richtig eingewöhnen konnten, vereinbarten wir mit Uddin einen 3-Tages-Trek in den Gunung-Leuser-National-Park. Das Dorf Bukit Lawang liegt direkt am nördlichen Ende dieses größten Regenwald-Schutzgebietes Süd-Ost-Asiens, insofern hat man keine besonders lange Anreise. Man überquert den Fluss und ist schon mittendrin im schönsten primären Regenwald.

Ursprünglich wurde uns versprochen, dass wir mit Uddin als kleine Dreiergruppe losmarschieren. Ich habe mehrfach versucht, darauf hinzuweisen, dass ich als Fotograf gerne meine Zeit einteilen würde. Das war der erste kleine Wermutstropfen bei unserem Treck. Wir wurden begleitet von Patrick aus österreich und Sonne aus Holland, auch ihnen hatte ein Guide zugesagt, sie würden alleine geführt werden. Kurzerhand wurden dann einfach beide Trecks zusammengelegt. Die beiden waren allerdings sehr nette und unkomplizierte Begleiter, was das Ganze wieder angenehm machte.

Sumatra

Bereits nach kurzer Zeit begegneten uns die ersten Orang-Utans. Eine Gruppe Weibchen, teilweise mit Jungen, die sich vermutlich in der Nähe eines Baums aufhielt, der Früchte trug, denn sonst sind sie eher Einzelgänger. Viele der Orang-Utans in der Nähe von Bukit Lawang sind halb wilde Tiere. Sie wurden irgendwann von den Rangern aus ihrer Gefangenschaft befreit und dann in jahrelanger Arbeit an ein Leben in Freiheit gewöhnt. Das heißt, sie sind Menschen durchaus gewohnt. Durch den extrem dichten Bewuchs gestaltet sich das Fotografieren recht schwierig. Aber auch das Gewicht der Ausrüstung machte sich durchaus bald bemerkbar. 15 Kilo Kameragepäck machten aus mir einen schwitzenden und schnaufenden 110-Kilo-Koloss, der sich die steilen Hänge rauf und runter quälte. Durch den Körperkontakt am Rücken entstand im Rucksack ebenfalls ein Regenwaldklima, nur etwas wärmer, was dazu führte, dass ich nun auch noch mit anlaufenden Linsen zu kämpfen hatte.

Trotzdem war der Trip recht kurzweilig. Vor dem Mittagessen fanden wir noch zwei weitere Orang-Utans. Den aufgeregten Erklärungen unseres Guides zufolge handelte es sich bei dem einen davon um ein ausgewachsenes wildes Männchen, das sich durch seine Aggressivität einen Namen gemacht hatte. Dieses Männchen sei bekannt dafür dem unvorsichtigen Wanderer die Rucksäcke zu entreißen, in der Hoffnung, darin Essbares zu finden. Sollte der überfallene sich dagegen zur Wehr setzen, würde angeblich schon auch mal gebissen. In den schillerndsten Farben wurde uns die Groesse, Kraft und Gefährlichkeit dieses Tieres erklärt, womit sich genügend Adrenalin bei den einzelnen Gruppenmitgliedern ansammelte um den anschließenden Zwischensprint zu überstehen, um sich aus dem Gefahrenbereich dieses Ungeheuers zu bringen. Einzig mir, dem wagemutigen weißen Fotografen wurde durch den Guide eine Audienz bei diesem grausamen Herrscher des Urwalds gewährt. Uddin hieß mich mit Kamera und Stativ hinter einem Baum zu lauern, während er dem Orang-Utan eine Staude Bananen als Opfer darbrachte. Was sich nun aus den Wipfeln der Bäume auf uns zuschwang war zwar groß und rot, aber irgendwie keinesfalls wild und gefährlich. Das Männchen machte einen eher ruhigen und gelassenen Eindruck als er bis auf ungefähr 10 Meter an mich herankam. Noch während er genüsslich an seinen Bananen lutschte, musste auch ich laut Guide den 400 Meter Dschungelsprint absolvieren um nicht gefressen zu werden. Vorweg gesagt, die Bilder sind nichts geworden.

Sumatra

Der weitere Verlauf dieses ersten Tages im Regenwald war dann eher hektisch. Die Guides, zwischenzeitlich hatten sich noch eine Australierin mit ihrem Guide zu uns gesellt, beschlossen, es sei zu gefährlich, heute durch das Gebiet King-Kongs zu gehen. Also nahmen wir einen Pfad, der seit vielen Jahren nicht mehr benutzt worden war. Zu deutsch, ein Pfad, der keiner war. Wir vollzogen nun einige extreme Auf- und Abstiege durch das Unterholz des Regenwaldes um zu unserem Nachtlager zu gelangen. Von Spaß und Augen für die Umgebung keine Spur, ganz zu Schweigen vom Fotografieren. Wir holten uns einiges an blauen Flecken und tiefen Kratzern, bis wir nachmittags dann am Ufer des Flusses standen und unser Lager sahen. Das Bad im klaren Dschungelfluss und das auf offenem Feuer gebrutzelten Abendessen war dann schnell jedem Entschädigung genug für die erlittenen Strapazen. Und die Müdigkeit sorgte dafür, dass jeder von uns unter der Plastikplane mitten im Wald dann auch ein wenig Schlaf fand.

Der nächste Tag begann unspektakulär. Nach ausgiebigem Frühstück kletterten wir auf der einen Seite den Berg wieder rauf und auf der anderen den Berg wieder runter. Tiere haben wir diesmal gar keine gesehen und auch sonst wurde uns vom Guide nichts erklärt. Das Ganze endete nach knapp vier Stunden und wir wurden bereits wieder am zweiten Lager von unserem lieben Koch erwartet. Der Fluss war an diesem zweiten Lager sogar noch schöner zu schwimmen, weil er einige tiefe Stellen ohne Strömung hatte. Gegen Abend fing es allerdings an zu regnen, weshalb wir leider nicht wieder am Lagerfeuer abenteuerliche Geschichten erzählen konnten. Also machten wir das unter der schicken schwarzen Plane. Durch den Regen stieg der Fluss in beachtlicher Geschwindigkeit. Nach ca. 2 Stunden hatte er sicher das zehnfache seiner normalen Groesse erreicht und war bereits sehr bedrohlich. Nach einer weiteren halben Stunde war dann die "Küche" weggespült und man konnte gar nicht mehr auf das Kiesbett. Die abenteuerlichen Geschichten drehten sich jetzt bereits um Touristengruppen, die vom Regen überrascht nachts mit einer einzigen Taschenlampe Zuflucht an den steilen Urwaldhängen suchen mussten, ohne irgendeine Lagermöglichkeit. Auch erzählten die Geschichten von der Flutkatastrophe, die im Jahr 2003 von diesem Fluss ausgelöst über 300 Dorfbewohner das Leben kostete und die meisten der Unterkünfte einfach wegriss. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf konnte natürlich beinahe niemand schlafen. Wir dösten vor uns hin und lauschten dem lauten Donnern der großen Felsbrocken, die vom Fluss umhergespült wurden, wie kleine Kieselsteine. Alle Viertelstunde wurde der Wasserstand gecheckt. Nachdem der ungefähr zwei Meter unterhalb unseres Camps angelangt war, fing er kurz nach Mitternacht, es hatte schon lange aufgehört zu Regnen, endlich wieder an zu sinken. Das braune Ungeheuer zog sich zurück.

Sumatra

Am nächsten Tag hieß es Rafting. Der Fluss war schon beinahe wieder in sein altes Bett zurückgekehrt, aber dennoch noch sehr kräftig auf der Brust. Glücklicherweise aber meinte unser Guide, Rafting sei möglich. Unter Rafting wird hierzulande verstanden, vier aufgeblasene Lkw Reifen zusammenzubinden, auf dieser Konstruktion sämtliches Hab und Gut, sowie alle Personen zu verstauen und sich mit zwei langen Stangen bewaffnet in die braunen Fluten zu werfen. Das ging auch gut, bis zur vierten Stromschnelle. Hier legte sich unser "Schlauchboot" quer über einen Felsen und eines der Halteseile riss, was bei so manchem Mitfahrer bedeutete, den Hauch des Todes bereits im Nacken zu spüren. Mit vereinten Kräften gelang es uns allerdings dann doch bald, das Boot aus der Stromschnelle herauszubugsieren um es am Ufer notdürftig zu reparieren. Das Lachen und Kreischen verstummte dann allerdings auf dem restlichen Weg ziemlich und nur die Guides versuchten hin und wieder Stimmung zu machen. Schlussendlich kamen wir aber wohlbehalten mit trockenem Gepäck wieder am Jungle Inn in Bukit Lawang an.

Erschöpft von dem dreitägigen Trip schliefen wir in unserem neuen Zimmer im Dorf endlich wieder ganz hervorragend. Das Jungle Inn hatte es nicht für nötig befunden, unsere Zimmer bis zu unserer Rückkehr aus dem Dschungel zu reservieren. Vielleicht hatte man ja auch nicht mit unserer Rückkehr gerechnet. Den nächsten Morgen starteten wir damit, der Fütterung der ausgewilderten Orang-Utans beizuwohnen. Einige der Tiere kommen mehr oder weniger regelmäßig aus dem Wald zu einer der täglich zwei mal stattfindenden Fütterungen. Die Ranger versuchen diese Fütterungen so unattraktiv wie möglich zu gestalten. D.h. es gibt für die Orang-Utans keine besonderen Leckerbissen, sondern lediglich eine Nahrungsergänzung. So werden sie dazu bewegt, sie den Grossteil ihres Futters im Wald selbst zu suchen. Derzeit gibt es um Bukit Lawang ca. 16 halbwilde Orang-Utans die regelmäßig zu den Fuetterungen kommen. Die anderen sind bereits dauerhaft im Wald verschwunden. Seit den 70er Jahren wurden in Bukit Lawang ca. 230 Orang-Utans ausgewildert. Im gesamten Bereich des Gunung-Leuser-Nationalparks vermutet man ca. 5000 wild lebende Orang-Utans. Im Anschluss an die Fütterung konnten wir einen der Ranger, John, dazu bewegen, uns auf einen kurzen Treck mitzunehmen. Von ihm erhielten wir innerhalb von ungefähr drei Stunden mehr Infos zu Fauna und Flora und insbesondere zu den Menschenaffen, als vorher von unserem Guide Uddin. Außerdem trafen wir noch auf einige Orang-Utans, die sich uns teils sehr zutraulich näherten und uns genauso interessiert unter die Lupe nahmen, wie wir sie. Dieser Tag ging leider viel zu schnell zu Ende und der nächste wartete mit wolkenverhangenem Regenwetter auf uns, weshalb wir kurzentschlossen von Bukit Lawang aufbrachen zum Lake Toba.