Dieser Titel wurde bereits von T. Henley für sein Buch über den Nationalpark Khao Sok in Thailand verwendet, jedoch passt er meiner Meinung nach auch hervorragend für den Gunung-Leuser-Nationalpark hier in Sumatra.

Das kleine Dorf Ketambe liegt tief im Alas-Tal im Gunung-Leuser-Nationalpark. Der Weg führt von Berastagi über Kabanjahe und Kutacane, wo man in einen der lokalen Kleinbusse umsteigen muss. Es gibt eigentlich keine Möglichkeit sich zu verfahren, denn es gibt nur diese eine Straße, die quer durch das Karo-Hochland nach Norden führt, in Richtung Banda Aceh. Bereits auf dem Weg hat man einen phantastischen Blick auf das breite Flusstal, das zu beiden Seiten von Urwald begrenzt wird. Der Alas ist hier noch kein sehr breiter Fluss, jedoch sieht man unterwegs häufig Zeugnisse der Kraft, die er in der Regenzeit entwickeln kann. Wenn nach und nach die Siedlungen weniger werden und die freudigen „Hello Mister!"-Rufe der Kinder seltener, dann erreicht man Ketambe. Nach ca. 6 Stunden Fahrt kletterten wir endlich vom Minibus und waren in Pakmus' kleinem Guesthouse angekommen. Pakmus und seine Frau wurden bereits in „Comment Books" in Berastagi von vielen Travellern sehr gelobt, weshalb wir uns hierfür entschieden haben. Vier kleine und einfache Holzhuetten und das Haupthaus mit dem „Restaurant" liegen in einem kleinen Garten mit vielen Blumen. Bereits auf der Fahrt und beim Umsteigen in Kutacane erkannten wir, dass wir jetzt in eine Gegend kommen, in der man mit Englisch nur noch etwas schwierig weiterkommt. Und so spricht auch nur Pakmus selbst etwas Englisch, der Rest der Familie gibt sich jedoch große Mühe sich mit uns auf Indonesisch, mit Händen und Füßen zu verständigen und so für unser Wohl zu sorgen. Gekocht wird abends immer nur ein Gericht für alle, inklusive der 10-köpfigen Großfamilie. Meist gibt es sehr leckere Currys oder Gado-Gado.

Nachdem wir am ersten Tag noch einen Ruhetag eingelegt hatten und den Tag damit verbrachten von unserer Hütte aus den ein oder anderen Affen oder Vogel im nahen Wald zu beobachten, Kaffee zu trinken oder einfach nur nichts zu machen, zogen wir am nächsten Tag mit Pakmus und Herman als zweitem Guide los, den Dschungel zu erkunden. Mit von der Partie waren auch Katharina und Christoph, die wir bereits in Berastagi kennen gelernt hatten. Der Regenwald hier ähnelt dem in der Gegend um Bukit Lawang. Er ist feuchter und damit auch matschiger und rutschiger als dort und verfügt über einen beachtlich großen Bestand von Blutegeln diverser Größen und Farben. Insgesamt scheint die Fauna in diesem Bereich etwas vielfältiger zu sein als in Bukit Lawang. Bevor wir den Wald betreten gibt uns Pakmus eine Hand voll Tabak, den er in einer kleinen Schale in etwas Wasser eingeweicht hat. Wir tränken damit unsere Socken und Schuhe, was das wirksamste Mittel gegen Blutegel sein soll. Hin und wieder finden wir zwar Exemplare, die bereits zum Angriff geblasen haben, sie scheinen jedoch beeindruckt vom Tabakgeschmack und irren nur auf den Schuhen und Socken umher, bis sie irgendwann einfach entnervt abspringen oder die Giftstoffe im Tabak ihre Wirkung tun und wieder ein kleiner Egel seinen letzten Atemzug tut. Lediglich Christoph hatte etwas Pech mit den kleinen Parasiten. Er hatte einen am Rücken und einen in einem Bereich auf den ich hier nicht näher eingehen möchte. Wahrscheinlich hat er irgendwo kurz seinen Rucksack abgestellt und die beiden cleveren Blutegel haben darin ihre Chance gesehen, die Tabakbarriere an den Füßen zu umgehen. Blutegel entfernt man am effektivsten mit der Glut einer Zigarette. Vor der Hitze ergreifen sie schnell die Flucht und lassen sich fallen. Wie diese Methode an den oben erwähnten, schwer zugänglichen Stellen durchzuführen ist, kann ich leider nicht sagen. Dieser, bereits am Anfang der Tour gelegene Zwischenfall sorgte jedenfalls für zeitweiliges, panikartiges Absuchen der Beinkleider bei den anderen Tourteilnehmern und so manches leichte Jucken an den verschiedensten Körperstellen wurde fehlinterpretiert. Auf alle Fälle waren diese beiden Blutegel die einzigen, die es in den zwei Tagen schafften und jede andere Aufregung war daher umsonst.

Sumatra

Nach ungefähr zwei Stunden Fußmarsch, in denen wir bereits die ein oder anderen Affen, Insekten und Reptilien gesichtet hatten durchquerten wir den Gurah, einen hüfttiefen, erfrischenden Gebirgsfluss. Von nun an ging es immer in Hörweite des Flusses nach oben und bereits wenig später entdeckte Herman den ersten Orang-Utan dieses Trips. Anders als in Bukit Lawang sind die Orang-Utans hier rein wildlebende Tiere, die vermutlich noch nie einen näheren Kontakt zum Menschen hatten. Zwar befand sich in Ketambe auch eine Auswilderungsstation, diese wurde aber bereits in den 70er Jahren nach Bukit Lawang verlegt und seither dient Ketambe ausschließlich als Forschungsstation. Die Orang-Utan-Dame, die wir nun vor uns hatten war dann auch keineswegs erfreut uns zu sehen. Sie verzog sich schnell und lautstark in die hohen Wipfel der Urwaldriesen und versäumte es unterwegs auch nicht größere äste nach uns zu werfen, die manchmal etwas zu nahe neben uns durch das Unterholz prasselten. Bereits nach wenigen Minuten also hatten wir den Menschenaffen aus dem Blick verloren und wir zogen weiter flussaufwärts. Hin und wieder wurden wir von Pakmus auf Rufe von Gibbons aufmerksam gemacht, sehen konnten wir sie jedoch leider nicht.

Der Lagerplatz für die Nacht befand sich am Fluss, bei sogenannten „Air Panas" heißen Quellen vulkanischen Ursprungs, die hier zu Tage treten. Es bietet sich eine unwirkliche Situation, wenn man an diesen Ort kommt. Zunächst hängt leichter Schwefelgeruch in der Luft, dann bemerkt man den Nebel, der sich über dieser Stelle bildet und schließlich scheint der Urwald noch dichter, die Vegetation noch üppiger zu werden, kurz bevor man dann auf die Kiesbank am Fluss heraustritt und den Ursprung der Veränderungen bemerkt. An mehreren Stellen tritt heißes Wasser zutage, überall dampft und brodelt es. An einigen Stellen ist das Wasser fast 100 Grad heiß und bildet kleine Becken, in denen die Frühstückseier gekocht werden, an anderen Stellen bleibt das Wasser unter großen Steinen verborgen, und erhitzt nur diese Steine. Schon vor dem Treck wurde uns die schauerliche Geschichte einer deutschen Touristin erzählt, die angeblich, ohne vorher vom Guide gewarnt worden zu sein, mit einem Fuß in eines der heißen Becken stieg und sich dabei so schwere Verbrühungen zuzog, dass sie augenblicklich zurückgebracht werden musste, um schnellstmöglich in eine Klinik in Medan zu kommen.

Etwas weiter unten am Fluss mischt sich das Wasser der heißen Quellen mit dem kühlen Wasser des Flusses und bildet einen kleinen Wasserfall mit einem tiefen Becken. Dort kann man gefahrlos im warmen Wasser schwimmen oder sich vom Wasserfall durchmassieren lassen. Sogar die Temperatur lässt sich einstellen, nämlich indem man ein wenig weiter oben ein paar Steine so umschichtet, dass weniger oder mehr von dem kühlen Flusswasser hinzukommt. Pakmus versteht es meisterlich, auf diese Art die optimale Temperatur in diesem kleinen natürlichen Thermalbad herzustellen und nach fast zwei Stunden im Pool waren wir dann alle aufgeweicht, müde und zufrieden.

Leider begann es bereits kurz nach dem Abendessen zu regnen und die von Pakmus bereits aufgestellten Zelte erwiesen sich leider nicht als wirklich wasserdicht. Schon nach wenigen Minuten waren alle bis auf die Haut nass. Während eines der Zelte dem Regen noch etwas Widerstand entgegensetzte und wir somit einige unserer Sachen vor dem Untergang bewahren konnten, bildete sich im anderen Zelt, in dem wir alle versuchten den Regen abzuwarten, eine 5 cm tiefe Poollandschaft. Nach dem Thermalbad folgte nun also der Saunagang, denn Pakmus hatte in seiner Weisheit dieses Zelt auf von den Quellen beheiztem Sand aufgebaut. Das heißt, das eindringende Regenwasser erhitzte sich relativ schnell und bildete dadurch ein feuchtwarmes Klima. Daher wurde uns wenigstens nicht kalt, während wir drei Stunden auf das Ende des Regens warteten, jedoch erlebten wir eine Art böses Déjà-vu, als wir feststellten, dass der Fluss anschwoll. Pakmus und Herman versicherten uns jedoch, dass dieser Fluss nie so anschwellen werde, was dann auch zu unserer großen Freude der Fall war. Nachdem der Regen vorbei war, versuchten wir dann zu viert trotz Nässe und Kälte in dem zweiten Zelt etwas Schlaf zu finden, was jedoch nicht jedem gleichermaßen gut gelang.

Am nächsten Morgen zogen noch ein paar kleinere Schauer über uns hinweg und mit dem ersten Licht fingen wir an, die nassen Sachen auf den heißen Steinen zu trocknen. Wirklich trocken wurde dabei zwar nichts, aber wenigstens konnte man eine warme, nasse Hose anziehen, anstatt einer kalten, nassen Hose. Und auch zum Aufwärmen des Körpers waren die aufgeheizten Steine hervorragend geeignet. Ein bemerkenswertes Talent unserer Führer, auch derer in Bukit Lawang, ist, dass sie selbst aus feuchtem Holz im Nullkommanichts ein Feuer zaubern konnten. Und so gab es dann auch bald heißen Tee und Banana Pancake, die Sonne kam heraus und unsere Gemüter beruhigten sich etwas.

Sumatra

Auf dem Rückweg schien sich der Urwald wieder mit uns versöhnen zu wollen. Der Marsch war einfach, die Blutegel hielten sich gänzlich zurück und kurz vor Ende unserer Tour zeigte sich uns noch eine Orang-Utan Mutter mit einem ca. 2-jährigen Jungen. Sie schien neugierig zu sein, was wir hier wohl wollten und kam bis auf wenige Meter zu uns heruntergestiegen. Und weil es noch nicht genug war, erschien dann noch ein zweites Junges, bereits älter und beinahe selbständig, das sich jedoch noch immer in der Nähe der Mutter aufzuhalten schien. Wir konnten diese drei Tiere fast eine halbe Stunde beobachten, bis sie wieder im Wald verschwanden und so kamen wir gänzlich zufrieden wenig später von unserem Trip nach Hause. Lediglich die Gibbons, die man immer wieder hörte, hatten wir nicht gesehen. In Ketambe trafen wir dann prompt noch auf Sanne und Patrick, die die letzten Tage in Aceh und auf Pulau Weh verbracht hatten.

Den letzten Tag verbrachten wir in Ketambe wieder mit extremen Meditationsversuchen in der Hängematte und gelegentlich einem Glas Kopi Susu, frisch aufgebrühtem Kaffee mit gesüßter Milch. Abends gab es noch Tuak, den hier üblichen Palmwein. Ein weitgehend geschmacksfreier Alkohol, den man auch gemischt mit Cola nur schwer genießen kann und dessen einziger Vorteil wohl ist, dass man schnell betrunken wird. Mit einem klitzekleinen Kater und mit einer unglaublichen Vorfreude im Hinterkopf brachen wir dann am nächsten Morgen sehr früh nach Medan auf, von wo wir weiter wollen nach Banda Aceh, denn Sanne und Patrick hatten uns des Abends noch überhäuft mit ihren Erzählungen von Pulau Weh, der kleinen Insel vor Banda Aceh, mit ihren weißen Sandstränden, glasklarem Wasser und bunten Korallenriffen.

Alles in allem ist es schwer zu sagen welcher Ort „besser" ist, Bukit Lawang oder Ketambe. Während Bukit Lawang durch seine Auswilderungsstation die beinahe sichere Möglichkeit bietet, Orang-Utans hautnah beobachten zu können, ist Ketambe eher der Ausgangspunkt für Trecks in die wirklich entlegenen Gebiete des Gunung-Leuser-Nationalparks, wie z.B. auf den 3404 Meter hohen Gunung Leuser selbst, den man in einer 14-tägigen Expedition bezwingen kann. Bei solchen Trecks bestehen hier in Sumatra auch die Chancen den wirklich seltenen Tieren des Nationalparks zu begegnen, wie dem Sumatra Nashorn, wilden Elefanten oder den letzten wilden Sumatra-Tigern. Wer solche mehrtägige Expeditionen vor hat, sollte sich aber bereits vorher intensiv informieren und mit geeigneter Ausrüstung anreisen, denn wie hier beschrieben ist die Ausrüstung die von den Guides bereitgestellt werden kann nicht unbedingt dafür geeignet, einen mehrtägigen Trip zu machen.

Die Forschungsstation in Ketambe ist leider für Touristen nicht zu erreichen. Lediglich Studenten erhalten hin und wieder die Gelegenheit sich hier zu informieren oder ein Praktikum zu absolvieren.